Deutscher Katholikentag Saarbrücken 24.Mai bis 28.Mai 2006

100 Worte Gerechtigkeit

 

Die Frage nach der Gerechtigkeit in 100 Worten zu beantworten, dazu haben wir jeden und jede eingeladen. Gut zwei Monate nach dem Katholikentag wird dieses Forum geschlossen. Aber natürlich haben Sie auch weiterhin die Gelegenheit, die vielen Beiträge einzusehen.
Was ist Gerechtigkeit? Das ist nicht nur eine Frage, die seit Jahrtausenden die Menschen umtreibt. Schon immer wurde sie insbesondere an die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gerichtet. In der heutigen Zeit beschäftigt sie die Menschen wieder besonders, die verunsichert sind durch die aktuellen Umbrüche in Politik und Gesellschaft und durch die Auswirkungen der Globalisierung in allen Teilen der Welt. Wir wollten von Personen des öffentlichen Lebens und von Ihnen wissen, was Sie ganz persönlich, angesichts der Komplexität unseres heutigen Lebens, unter Gerechtigkeit verstehen. Damit wollten wir eine Diskussion über diesen zentralen Begriff des menschlichen Miteinanders anstoßen.

Die Antworten sind nach einer redaktionellen Durchsicht zusammen mit anderen Antworten auf dieser Internetseite veröffentlicht worden. Dabei unterlagen die Veröffentlichung bestimmten Regeln (z. B. wurden Beiträge, die gegen das deutsche Presserecht verstoßen, indem sie etwa Beleidigungen zum Ausdruck bringen, nicht veröffentlicht).

Grafik: Hundert Worte

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Die hier veröffentlichten Beiträge sind persönliche Meinungsäußerungen des jeweiligen Autors bzw. der jeweiligen Autorin und stimmen nicht in jedem Fall mit der Position der Veranstalter des Katholikentags überein.

> [ Die geltenden Regeln finden Sie hier. ]

100 Worte Gerechtigkeit

Montag, 17.10.2005


Gerechtigkeit bedeutet, jeden Menschen gemäß seiner/ihrer Würde als Person mit gleichen Rechten und gleicher Freiheit anzuerkennen. Dies erfordert politisch,
• die humanen Grundbedürfnisse abzusichern (Bedürfnisgerechtigkeit) und Leistung angemessen zu honorieren (Leistungsgerechtigkeit);
• große soziale Differenzen auszugleichen (Verteilungsgerechtigkeit) und mit dem Zugang zu Bildung, Arbeit und (politischen) Ämtern die Voraussetzungen für verantwortliche Beteiligung aller am gesellschaftlichen Leben zu schaffen (Beteiligungsgerechtigkeit);
• Diskriminierung, z.B. aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit, zu bekämpfen (Geschlechtergerechtigkeit);
• die physischen Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben der nachfolgenden Generationen durch schonenden Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen zu sichern (intergenerationelle Gerechtigkeit).
Einsatz für Gerechtigkeit ist ein praktischer Prüfstein der christlichen Hoffnung auf "einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt" (2 Petr 3,13).

 
Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins, kath. Theologin, Universität Bamberg

Montag, 17.10.2005


Für mich als Sozialpolitiker ist Gerechtigkeit das Leitprinzip meines politischen Handelns. Bei allen notwendigen Veränderungen muss es immer darum gehen, den Sozialstaat zu erhalten und unsere Verpflichtung zur sozialen Gerechtigkeit zu erneuern. Dabei hat die Gerechtigkeit viele Facetten: Es geht um Generationengerechtigkeit, d.h. um eine faire Lastenverteilung sowohl zwischen den Generationen als auch innerhalb einer Generation. Um Familiengerechtigkeit: Dazu müssen die bestehenden Benachteilungen von Familien mit Kindern beseitigt werden. Um Verteilungsgerechtigkeit: Starke Schultern müssen mehr tragen als schwache. Aber auch um Teilhabegerechtigkeit: Jeder muss die Chance erhalten, einen Arbeitsplatz zu bekommen und für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen zu können.


 
Andreas Storm MdB

Montag, 17.10.2005


"Gerechtigkeit ist immer bezogen auf die Menschenwürde und das Gemeinwohl. Gerechtigkeit herrscht, wo die Würde der menschlichen Person und ihre unveräußerlichen Rechte geschützt sind. Gerechtigkeit besteht dort, wo die gesellschaftlichen Bedingungen dem Einzelnen und den Familien sowie den Gruppen und Institutionen, in denen sich die Einzelnen organisieren, "ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Entfaltung und Vollendung" (Gaudium et Spes) ermöglichen.
Gerechtigkeit setzt also Freiheit voraus. Gerechtigkeit bedarf aber auch der Solidarität, damit die gesellschaftlichen Bedingungen so gestaltet werden, dass auch die Schwachen ihre Persönlichkeit entfalten können. Damit Freiheit und Solidarität in der Balance bleiben, gilt das Subsidiaritätsprinzip: Die Erstverantwortung liegt beim Einzelnen."

 
Marie-Luise Dött (MdB), Vorsitzende des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU)

Donnerstag, 13.10.2005


Vor einigen Jahren hat der evangelische Theologie-Professor Michael Welker auf die Frage, warum christliche Kirchen notwendig sind, geantwortet: Die christlichen Kirchen treten ein für eine Kultur der Barmherzigkeit.
Ihm wurde teilweise heftig widersprochen, weil es heute nicht so sehr um Barmherzigkeit ginge. Die christlichen Kirchen sollten sich mehr für soziale Gerechtigkeit einsetzen.
Tatsächlich spielt der Begriff der sozialen Gerechtigkeit in der Evangelischen Kirche eine erhebliche Rolle. Er war von evangelischer Seite aus das Leitmotiv in dem gemeinsamen Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage. Er ist Grundlage, um Maßstäbe in der Beurteilung sozialpolitischer Maßnahmen heute zu finden. Und doch ist der Hinweis auf die Kultur der Barmherzigkeit weiterhin wichtig, weil nach christlichem Verständnis Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammengehören.
Der gerechte Gott ist zugleich der barmherzige Gott. Dies ist die Grundaussage des christlichen Glaubens. Sie leitet uns an, dass wir über allem Streben nach Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft nicht ohne Barmherzigkeit auskommen. Das haben wir als christliche Kirchen ins Gespräch mit der Sozialpolitik einzutragen.


 
Kirchenpräsident Eberhard Cherdron, Speyer

Montag, 10.10.2005


Gerechtigkeit ist unabdingbare Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft menschenwürdig ist. Gerechtigkeit zügelt Macht und schließt Willkür aus. Gerechtigkeit verteilt Risiken und Chancen, Belastungen und Belohnungen so, dass Menschen sich mit den Ergebnissen identifizieren können. Wo sich etwas ändern soll, ist Gerechtigkeit unverzichtbar. Wer das nicht berücksichtigt, erntet Blockaden und Verweigerungshaltung. Gerechtigkeit ist deshalb der Schlüssel zur Zukunft. Gerechtigkeit fällt nicht vom Himmel. Sie muss immer wieder gestaltet werden, nicht, indem man alles über einen Kamm schert, sondern indem man jedem das Seine zukommen lässt. Mit formaler Rechtsgleichheit ist es darum nicht getan. Gerechtigkeit erfordert vielmehr Ausgleich und Umverteilung, nicht Gleichmacherei.
 
Dr. Regina Görner

Montag, 10.10.2005


Sie stellen mir eine Frage, die ich mir seit langem, oft aufgewühlt und betroffen zu beantworten versuche: Wie kann ich mir Gerechtigkeit erklären und dazu noch Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht? So weit will ich nicht denken. Unter Gerechtigkeit verstehe ich immer den Ausgleich, das Gleichgewicht zwischen Haben und Nichthaben. Die jüdische Religion zählt die Schar der letzten Gerechten. Das zu erkennen und anzuerkennen macht mich traurig und ratlos. Sind so wenige gerecht?
 
Peter Härtling, Schriftsteller


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